Gesamtmetall-Präsident Dr. Stefan Wolf: „Trotz Wachstums nichts zu verteilen“

Herr Wolf, Sie sehen die Bundesrepublik wieder an dem Punkt wie zu Beginn der 2000er-Jahre, als Deutschland als kranker Mann Europas galt. Woran machen Sie das fest?
Das mache ich hauptsächlich an den Arbeitskosten fest. Die Arbeitskosten sind in Deutschland massiv gestiegen. Wir liegen bei fast 45 Euro pro Stunde. Im Vergleich dazu sind Industrieländer wie Frankreich, die USA und Japan deutlich günstiger, China ist es sowieso. Damit sind wir einfach nicht mehr wettbewerbsfähig. Das muss sich dringend wieder ändern. Vieles, was in den vergangenen zehn Jahren Arbeits- und Lohnstückkosten erhöht hat, müssen wir wieder zurückdrehen. Man sollte nicht vergessen: Eine Produktion zum Beispiel nach Frankreich zu verlagern kostet nicht die Welt. Und dann hat man dort günstigere Bedingungen in Bezug auf die Arbeitskosten und übrigens auch bei den Energiekosten.

Die Metall- und Elektro-Industrie klagte schon vor der Corona-Krise über eine Wachstumsdelle. Wie steht die Branche aktuell da?
Die Metall- und Elektro-Industrie leidet seit 2019 unter einer Rezession. Schon von 2018 auf 2019 gab es Produktionsrückgänge, im Schnitt um fünf Prozent. 2020 waren es sogar 16 Prozent. Ein Beispiel: Es sind 2018 weltweit 95 Millionen Fahrzeuge gebaut worden, 2019 waren es fünf Millionen weniger. In 2020 ging es – bedingt durch die Corona-Krise – auf ca. 71 Millionen Fahrzeuge zurück. Dementsprechend fehlt es an Umsätzen im Kernbereich unserer Branche.

Wie hat sich das auf die Zahl der Jobs ausgewirkt?
Es sind viele Arbeitsplätze verloren gegangen. Die Beschäftigung lag im Oktober 2020 mit 3 899 600 Mitarbeitern um 3,4 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats. Trotzdem ist sehr viel getan worden, um Beschäftigung zu sichern. Denn man darf ja nicht vergessen: Die Umsatzverluste waren mit 16 Prozent deutlich höher.

Wie lautet ihre Wachstumsprognose für 2021?
Ich gehe davon aus, dass die Branche 2021 wieder wachsen wird. Aber wir kommen natürlich von einem niedrigen Niveau. Und wenn wir fünf, sechs, sieben Prozent wachsen würden in 2021 – das ist meine derzeitige Prognose –, dann haben wir die 16 Prozent, die wir 2020 verloren haben, und die fünf Prozent, die wir schon 2019 verloren haben, natürlich noch lange nicht wieder wettgemacht. Bis diese Rückgänge ausgeglichen sein werden, sind wir wahrscheinlich im Jahr 2023, vielleicht sogar im Jahr 2024. Das zeigt sehr deutlich, dass es nichts zu verteilen gibt in unserer Industrie.

Die Metall- und Elektro-Industrie war jahrelang ein starker Jobmotor. Wenn sie wieder auf Touren kommt, wird es dann auch wieder mehr Arbeitsstellen geben?
Ich glaube, dass wir eher einen Rückgang der Beschäftigung bekommen in den nächsten Jahren. Wir sind in einer dramatischen Transformationsphase, vor allem in der Automobil- und Zulieferindustrie, die sich umstellen muss auf alternative Antriebe. Dieser tiefgreifende Strukturwandel wird zurzeit überdeckt durch die Corona-Krise, aber trotzdem sind diese Themen natürlich noch da. In dieser Transformation werden wir neue Arbeitsplätze schaffen, etwa in der Entwicklung. Aber in der klassischen Produktion wird es weniger Stellen geben. So ein Verbrennungsmotor hat 3500 Teile, ein Elektromotor und eine Batterie haben maximal 500 Teile. In der Summe fallen also Stellen weg.

Wie weit ist die Transformation fortgeschritten?
Wir waren und sind führend bei den Verbrennungsmotoren. Und wir haben mittlerweile auch bei den alternativen Antriebskonzepten eine führende Position. Es ist entscheidend, dass sich bei der Elektromobilität jetzt auch andere einbringen, die Energieversorger zum Beispiel beim Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Außerdem muss eine Versorgung mit Wasserstoff aufgebaut werden für Fahrzeuge mit Brennstoffzelle, denn wir werden in großem Umfang solche Autos bekommen.

Die IG Metall fordert Verbesserungen im Volumen von vier Prozent. Sie halten dagegen, es sei nichts zu verteilen. Wie soll da ein Kompromiss gelingen?
Die Frage stelle ich mir auch. Ich hoffe, dass die IG Metall angesichts der verschärften Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Krise vielleicht mal in sich geht. Viele Betriebe in anderen Branchen werden es nicht schaffen. Da sollten wir wenigstens unsere Industrie gut durch diese Krise führen. Die IG Metall muss sich deshalb dringend die Zahlen anschauen. Und dann wird sie sehen: Da gibt es nichts zu verteilen. Unternehmen, die im Durchschnitt 16 Prozent und in der Spitze sogar 30 Prozent Umsatz verloren haben, können bei den Personalkosten nichts drauflegen im laufenden und wahrscheinlich auch nicht im kommenden Jahr. Das liegt auf der Hand. Die Forderung der IG Metall fällt völlig aus der Zeit. Aber auf der anderen Seite ist uns am Ende noch jedes Mal ein Kompromiss gelungen.

Zukunftstarifverträge sollen Investitionen, Standorte, Beschäftigung und Qualifizierung sichern, so die IG Metall. Wie müsste aus Ihrer Sicht solch ein Vertrag aussehen?
Wir brauchen nicht nur Kostenneutralität, wir brauchen auch sehr viel mehr individuelle Möglichkeiten, um vom Flächentarifvertrag abweichen zu können, da die Betriebe so unterschiedlich strukturiert sind. Wenn wir uns da verständigen, dann haben wir einen Zukunftstarifvertrag.

Da haben Sie mit der IG Metall einen harten Verhandlungspartner…
Die Verhandlungen in den Betrieben sollten nicht Gewerkschaften führen, sondern Betriebsräte, die die Lage vor Ort am besten kennen. Warum die IG Metall da immer mit am Tisch sitzen muss, erschließt sich mir nicht. Es braucht außerdem automatische Anpassungen der Tarife, wenn bestimmte Kennzahlen zutreffen. So kommt man schnell zu pragmatischen Lösungen, die Jobs und Unternehmen sichern, objektiv und transparent.

Die Beschäftigten wollen aber keine zweite Nullrunde akzeptieren, so die IG Metall. Drohen am Ende Streiks?
Dafür ist die Lage zu ernst. Die Beschäftigten wollen, dass ihre Jobs erhalten werden, sie wollen auch wie-der in den Betrieb kommen. Streiks helfen da nicht. Wenn die Corona-Infektions- und die Todeszahlen weiter so hoch bleiben wie aktuell, haben die Menschen wirklich andere Sorgen.

Mehr Geld ist aber doch immer willkommen…
Grundsätzlich ja, man darf aber auch nicht vergessen: Wir zahlen Spitzenlöhne und -gehälter. In Baden-Württemberg verdienen die Beschäftigten in der Metall- und Elektro-Industrie im Durchschnitt 65 000 Euro im Jahr. In der obersten tariflichen Entgeltgruppe gibt es 110 000 Euro. Da glaube ich nicht, dass die Menschen in der aktuellen Situation für vier Prozent auf die Straße gehen wollen.

Dieses Interview ist in der Neuen Osnabrücker Zeitung erschienen.