Hessenmetall-Verhandlungsführer Oliver Barta: „Nullrunde ist schon ein Kompromiss“

Wie sieht für Sie als Verhandlungsführer ein perfekter Tarifvertrag aus?
Er muss in erster Linie einfach und kostengerecht sein. Ihn sollen ja nicht nur Tarifexperten verstehen, sondern auch jeder mittelständische Unternehmer und Betriebsrat. Dann muss er einfach umzusetzen sein. Es ist nichts gewonnen, wenn die Umsetzung durch die Verwaltung zusätzliche Kosten erzeugt. Und er muss für beide Seiten, also Arbeitgeber und Arbeitnehmer, passen. Das ist ein hehrer Anspruch, aber mit ihm trete ich an.

Was nicht einfach wird, ist das Verhandeln in Zeiten von Corona-Abstandsregeln. Wie werden Sie das in der anstehenden Tarifrunde machen?
Darüber werden wir noch mit der Gewerkschaft sprechen. Zumindest in der ersten Informationsphase kann ich mir aber vorstellen, dass wir das rein digital machen. Ich habe erst bei uns im Haus, bei Bosch Thermotechnik, einen Haustarifvertrag auf diese Weise verhandelt. In der Schlussphase allerdings werden wir uns wohl ganz traditionell am Tisch treffen, wenn auch mit größerem Abstand als sonst. Man muss sich in dieser Phase gegenseitig in die Augen schauen können, das ist nicht zu ersetzen.

Als Chef eines Heizungsherstellers können Sie doch sicher eine Prognose abgeben. Wie hitzig wird das Klima bei der anstehenden Tarifrunde?
Ich bin ja selbst nicht unbedingt der hitzige Typ, sondern eher Pragmatiker. Und hitzig wird es sicher nicht, aber kompliziert. Denn so eine ökonomisch angespannte Situation wie jetzt hatten wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht. Wir müssen es schaffen, einen Tarifabschluss hinzubekommen, der unserer Situation gerecht wird. Denn die Metall- und Elektrobranche wurde ja nicht nur von der Corona-Krise hart getroffen, sondern befindet sich auch mitten im Strukturwandel.

Wie geht es denn den 640 Mitgliedsunternehmen von Hessenmetall?
Durchaus unterschiedlich. Das sehe ich ja in meinem Konzern, bei Bosch. Während die Thermotechnik die Krise weniger spürt, ist der Automotive-Bereich erheblich unter Druck. Nach einer Umfrage unter unseren Mitgliedern ist immer noch fast jeder vierte Beschäftigte in Kurzarbeit – und das sind Zahlen mit Stand Mitte September. Die herausragende Frage wird daher sein: Wie können wir Beschäftigung sichern und wie bekommen wir zugleich die für den Strukturwandel nötige Qualifizierung der Beschäftigten in den Griff?

Die IG Metall wirft Unternehmen wie Conti, Norma oder auch Valeo derzeit vor, „die Gunst der Stunde“ nutzen zu wollen, um massiv Stellen abzubauen.
Über einzelne Unternehmen kann ich mich nicht äußern. Aber kein Unternehmen macht es sich leicht, Personal abzubauen – zumal ein Stellenabbau zunächst auch eine enorme Kostenbelastung ist, wegen der Sozialpläne und Abfindungen. Doch den Strukturwandel haben wir ja nicht erst seit der Corona-Krise. Schon im Jahr 2019 war unsere Metall- und Elektro-Industrie in einer Rezession, laut unserem Dachverband Gesamtmetall sank die Produktion um fünf Prozent.

Also halten Sie Lohnsteigerungen für ausgeschlossen?
Klassischerweise orientieren wir uns in Tarifgesprächen an der Produktivität und der Inflation. In den letzten 10 Jahren sind die Entgelte um 30 Prozent gestiegen, die Produktivität aber nur um 3 Prozent. Von Januar bis August 2020 ist die Produktivität in unserer Industrie um 8,1 Prozent gesunken, und die Inflationsrate betrug zuletzt minus 0,2 Prozent. Daraus ergibt sich doch, dass wir keinen Verteilungsspielraum für Lohnsteigerungen haben. Selbst eine Nullrunde wäre darum schon ein Kompromiss.

Die Arbeitgeberverbände in Bayern und Baden-Württemberg hatten schon vor der Corona-Krise ein Lohnmoratorium von fünf Jahren gefordert. Sie auch?
Wir haben nicht über konkrete Zeiträume und Forderungen gesprochen, sondern generell darüber, dass man wegen des Strukturwandels einen längeren Zeitraum in den Blick nehmen sollte. Eine längere Laufzeit des Tarifvertrages würde eine berechenbare Basis für Beschäftigte und Unternehmen bieten. Wenn es derzeit schon so viele Unsicherheiten gibt, darf es gern auch mal eine Konstante geben.

Zugleich wünschen Sie sich aber auch mehr Flexibilität?
Es ist ja schon lange nicht mehr so, dass wir in Verhandlungen einfach über eine Lohnerhöhung reden. Dafür ist die Welt viel zu kompliziert geworden. Vielmehr müssen wir darüber reden, welche Instrumente die Unternehmen benötigen, um den Strukturwandel zu bewältigen. Und dazu gehört die Flexibilität oder auch die Qualifizierung der Mitarbeiter.

Mit Flexibilität meinen Sie vor allem die Arbeitszeitregeln?
In die Unternehmen ist doch längst die Digitalisierung eingezogen, es verändern sich Arbeitsweisen und Abteilungsstrukturen. Zu dieser Welt passen die bisherigen Arbeitszeitregelungen nicht mehr. Ich kann zum Beispiel nicht jedes Mal eine Betriebsratsanhörung machen, wenn sich monatlich im Rahmen des Agilen Arbeitens die Teamzusammensetzung ändert. Da würde sich gar nichts mehr bewegen.

Ein Vorwurf der Gewerkschaften lautet aber, die Unternehmen hätten sich und die Beschäftigten nicht rechtzeitig auf den Strukturwandel vorbereitet.
Wir sind uns mit den Gewerkschaften im Abstrakten einig, dass wir Qualifizierung brauchen, wenn wir zum Beispiel die Produktion vom Verbrennermotor auf den Elektromotor umstellen. Die Frage ist aber, wie dabei die finanziellen Lasten verteilt werden. Schon jetzt geben die Unternehmen pro Jahr und pro Mitarbeiter rund 1000 Euro für Weiterbildung aus. Die Verantwortung dafür tragen jedoch nicht nur die Arbeitgeber. Ich finde, dass auch jeder selbst verantwortlich ist und sich um seine Qualifizierung bemühen muss, um beschäftigungsfähig zu bleiben.

Die Gewerkschaft hat vorgeschlagen, zur Bewältigung der Krise die Wochenarbeitszeit auf vier Tage zu reduzieren.
Das zeigt mir zunächst, dass wir ein gemeinsames Verständnis darüber haben, wie ernst die Lage ist. Jetzt müssen wir uns aber über den richtigen Weg verständigen. Über eine Vier-Tage-Woche auf freiwilliger Basis kann man sicher reden, da es für manche Betriebe zeitweise hilfreich sein kann. Aber eine Arbeitszeitverkürzung bei teilweisem oder vollständigem Lohnausgleich . . .

. . . dass also der Lohn nicht im gleichen Maße wie die Arbeitszeit verringert wird oder er sogar gleich hoch bleibt . . ..
. . das wird nicht zu schultern sein, und das kann man nur ablehnen. Ich habe selbst in einem nicht tarifgebundenen Unternehmen die Umstellung von der 40-Stunden-Woche auf die 35-Stunden-Woche begleitet. Dieses Unternehmen musste sich erheblich strecken, um diese Steigerung der Arbeitskosten zu finanzieren.

Wie hoch ist eigentlich die Tarifbindung in der Metall- und Elektrobranche?
Etwa 40 Prozent der Unternehmen mit 70 Prozent der Beschäftigten sind noch tarifgebunden. Das zeigt, dass gerade die großen Unternehmen tariftreu sind. Und die Tarifbindung ist im industriell geprägten Mittelhessen stärker als im Rhein-Main-Gebiet. Gerade mittlere und kleinere Unternehmen und auch die Neuzugänge im Verband werden Mitglieder ohne Tarifgebundenheit.

Ihre Mitglieder klagen, dass die Tarifverträge immer komplizierter werden. Zuletzt wurden Zusatzbeiträge namens „T-Zug A“ und „T-Zug B“ eingeführt.
Die letzten beiden Tarifverträge waren in der Tat alles andere als einfach zu erklären. Diese Zusatzbeiträge sind nun eingeführt und klappen mittlerweile in einigen Betrieben auch ganz gut. Aber es zeigt auch: Es hat überhaupt keinen Sinn, solche Verträge zu verkomplizieren oder irgendetwas darin zu verstecken. Der Vertrag muss ja dann auch in der Fläche anwendbar bleiben. Mein Anspruch ist, für Transparenz und Klarheit zu sorgen und auch die Kosten im Griff zu behalten. Das ist uns in der Vergangenheit nicht immer gelungen.

Bringt Sie da die Krise in eine bessere Verhandlungsposition?
Ganz klar nein. Das ist keine Situation, die man sich wünscht. Eine Krise erzeugt ja immer Druck, und wenn Verhandlungspartner nicht ein noch aus wissen, fallen kreative Lösungen schwerer. Da bin ich aber ganz klar ein Fan von Plus-Minus-Mitbestimmung, bei der Arbeitgeber und Gewerkschaften vertrauensvoll und gemeinsam Lösungen entwickeln, um aus der Krise herauszukommen.

Das Interview ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitungen erschienen.