Hessische M+E-Industrie startet in Tarifrunde 2021

Die hessische Metall- und Elektro-Iindustrie (M+E-Industrie) ist in ihre zweite Tarifrunde innerhalb eines Jahres gestartet: mit einem ersten Tarifrundengespräch des Arbeitgeberverbands HESSENMETALL am 26. Oktober in Frankfurt. Ziel war es, vor dem Beginn der offiziellen Verhandlungen mit den Mitgliedsunternehmen die aktuelle Lage und die möglichen Inhalte der Tarifrunde zu diskutieren. In Kassel und Wetzlar werden diese und nächste Woche weitere Tarifrundengespräche folgen. Im März 2020 hatten sich die Tarifpartner angesichts der Ausnahmesituation durch die Corona-Pandemie auf einen schnellen, situationsgerechten Krisentarifabschluss geeinigt. Dieser beinhaltete einige Instrumente zur Begleitung der Corona-Krise, sah aber keine Erhöhungen der Entgelte und Ausbildungsvergütungen vor und hat eine Laufzeit bis zum 31. Dezember 2020. Zur ersten Tarifverhandlung für das Tarifgebiet M+E MITTE und damit für die rund 370.000 Beschäftigten der Metall- und Elektro-Industrie in Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland treffen sich die Sozialpartner am 17. Dezember.

Wie schon zu Beginn des Jahres wird auch die Tarifrunde 2021 durch den Krisen-Mix aus Strukturwandel und beschleunigender Corona-Pandemie geprägt. Zwar gebe es einige wenige Lichtblicke, aber die weit überwiegende Mehrheit der Mitgliedsunternehmen von HESSENMETALL rechne damit, dass sie das Vorkrisenniveau erst Ende 2021 oder später wieder erreichen werden – einige sogar erst Mitte des Jahrzehnts. Wie unsicher die Lage aktuell ist zeige sich auch darin, dass viele überhaupt keine Prognose abgeben können. „Schon im Jahr 2019 war unsere Metall- und Elektro-Industrie in einer Rezession. Nach einem historisch schlechten ersten Halbjahr war die M+E-Produktion im zweiten Quartal 2020 so niedrig wie während der Finanzkrise 2009“, sagte Oliver Barta, Vice President Human Resources der Bosch Thermotechnik GmbH in Wetzlar und Verhandlungsführer von HESSENMETALL. „Klassischerweise orientieren wir uns in den Tarifverhandlungen zu Entgelterhöhungen an der Produktivität und der Inflation. In den letzten 10 Jahren sind die Entgelte um 30 Prozent gestiegen, die Produktivität aber nur um 3 Prozent. Von Januar bis August 2020 ist die Produktivität in unserer Industrie um 8,1 Prozent gesunken, und die Inflationsrate betrug zuletzt minus 0,2 Prozent. Daraus ergibt sich doch, dass jetzt ein Beitrag der Beschäftigten angezeigt ist – wir jedenfalls keinen Verteilungsspielraum für Lohnsteigerungen haben. Selbst eine Nullrunde wäre darum schon ein Kompromiss.“

Die Stimmen aus den Mitgliedsunternehmen von HESSENMETALL unterstützen diese Sichtweise. „Die Vorstellungen der IG Metall zu einer 4-Tage-Woche mit teilweisem Lohnausgleich passen in keinster Weise zur wirtschaftlichen Lage, die noch nie in meiner beruflichen Laufbahn so schlecht war“, sagte Nico Schmäling, Geschäftsführer von John Crane in Fulda und Vorsitzender der Bezirksgruppe Offenbach und Osthessen von HESSENMETALL. „Es muss jetzt in erster Linie darum gehen, den Unternehmen das Überleben zu ermöglichen. Das bedeutet vor allem, die Ausgaben zu senken, und die ohnehin schon herausragend teuren Arbeitsstunden hier vor Ort nicht noch teurer zu machen. Der kommende Tarifabschluss muss das berücksichtigen.“

„Viele Firmen sind von Auftragseinbrüchen, sinkenden Umsätzen und Produktionsrückgängen betroffen. Die Pandemie hat die digitale Transformation in den Unternehmen beschleunigt, durch die Corona-Krise gab es einen regelrechten Digitalisierungsschub“, sagte Claus Lau, Standortleiter von Bosch Rexroth in Erbach und Vorsitzender der Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen von HESSENMETALL. „Nur mit Investitionen in neue Technologien und Innovationsfreude kann die M+E-Industrie sowohl die Corona-Krise als auch den laufenden Strukturwandel bewältigen. Dazu brauchen die M+E-Unternehmen aber jetzt mehr als je den notwendigen finanziellen Spielraum.“

„Aktuell ist in der M+E-Industrie immer noch fast jeder vierte Beschäftigte in Kurzarbeit. Die große Frage wird daher sein: Wie können wir Beschäftigung sichern und wie bekommen wir zugleich die für den Strukturwandel nötige Qualifizierung der Beschäftigten in den Griff?“, sagte Rainer Welzel, Personalchef von Siemens in Rhein-Main und Vorstandsvorsitzender der Bezirksgruppe Rhein-Main-Taunus von HESSENMETALL. „Die Frage ist, wie dabei die finanziellen Lasten verteilt werden. Schon jetzt geben die Unternehmen pro Jahr und pro Mitarbeiter rund 1.000 Euro für Weiterbildung aus. Und der Erhalt und Ausbau von Qualifikationen liegt auch in der Verantwortung der Beschäftigten.“