Neuer Nordmetall-Präsident Folkmar Ukena: „Kein Platz für Lohnerhöhungen bis 2023“

Herr Ukena, wie kommt das Leda Werk durch die Krise?
Wir sehen in meinem Unternehmen zwei gegensätzliche Entwicklungen. Einerseits gibt es eine wachsende Nachfrage nach unseren Öfen. Weil sich die Menschen jetzt ihr Zuhause verschönern, weil bestimmte alte Anlagen ausgetauscht werden müssen und weil von Anfang 2021 an die CO2-Steuer zum Beispiel auf das Heizen mit Öl erhoben wird. Andererseits gibt es wirklich brutale Umsatzeinbrüche im Bereich Industrieguss. Von vielen Maschinenbau-unternehmen, für die wir als Zulieferer Teile herstellen, erhalten wir derzeit keine Aufträge.

Das bedeutet unter dem Strich was ganz genau?
Was den Umsatz angeht, gleichen sich die gegensätzlichen Entwicklungen in etwa aus. Bisher war es nicht notwendig, Kurzarbeit zu beantragen. Bei uns sieht es nicht so düster aus wie in der Mehrzahl der Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie. Da gibt es Firmen, die haben derzeit praktisch überhaupt keine Arbeit. In welchen Bereichen der Branche sehen Sie die größten Probleme? Unsere jüngste Konjunkturumfrage zeigt, dass 60 Prozent aller Unternehmen in diesem Jahr Umsatzeinbußen in einer Größenordnung von 20 Prozent und mehr erwarten. Die durchschnittliche Auslastung der Betriebe ist seit dem Tiefpunkt im Sommer nur geringfügig gestiegen, in fast der Hälfte gibt es weiter Kurzarbeit. Was die weitere Entwicklung angeht, ist die Unsicherheit in der Werften- und Flugzeugindustrie am größten. Dort wird es absehbar noch sehr lange Kurzarbeit geben, und die Betriebe werden es besonders schwer haben und Jahre brauchen, um wieder auf das alte Niveau zu kommen.

Der Arbeitsplatzabbau in der Branche hat begonnen, Beschäftigten wird auch betriebsbedingt gekündigt. Wird sich dieser Trend verstärken?
Manche Unternehmen stehen tatsächlich vor der Existenzfrage und kämpfen ums Überleben. Laut unserer Umfrage plant jedes vierte, noch in diesem Jahr die Zahl der Arbeitsplätze zu reduzieren. Vielerorts wird jetzt intern beraten, ob und wie sich das verhindern lässt, wie möglichst viele Jobs erhalten werden können. Aber es ist durchaus möglich, dass es in den ersten Monaten 2021 verstärkt zu Personalanpassungen kommen wird.

Sie meinen einen weiteren Abbau von Arbeitsplätzen …
Die betroffenen Unternehmen haben kaum eine andere Wahl. Wir müssen jetzt gemeinsam mit der Gewerkschaft Wege suchen, wie sich möglichst viele Arbeitsplätze sichern lassen. Darüber reden die Tarifpartner bereits seit dem Sommer. Klar ist aber, dass der grundlegende Strukturwandel, der in der Branche aus vielerlei Gründen dringend not-wendig ist, Geld kosten wird. Wegen der Corona-Krise sind die finanziellen Reserven oft schon aufgebraucht, und mancherorts wird die Liquidität knapp. Nun müssen wir sehen, wo das Geld für den Wandel eigentlich herkommen soll.

Der künftige Vorsitzende des Dachverbands Gesamtmetall hat Kostensenkungen und eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich gefordert. Wie sehen Sie das?
Im ersten Schritt heißt das für mich, dass die Kosten nicht weiter steigen dürfen. Das tun sie in der derzeitigen Situation aber, die Lohnstückkosten zum Beispiel lagen im September gut elf Prozent über dem Vorjahr. Wenn die Konjunktur eingebrochen ist, wenn die Unternehmen keine Aufträge haben, wenn die Beschäftigten in Kurzarbeit sind, ist es wirklich sportlich, über eine Anhebung der Tarifgehälter verhandeln zu wollen. Ich sehe überhaupt nicht, wo das Geld dafür herkommen soll. Und die Jahresgehälter in der Metallindustrie sind mit 60.000 Euro ohnehin schon überdurchschnittlich hoch.

Die IG Metall will bis zu vier Prozent mehr Geld fordern. Was wird Nordmetall in der ersten Verhandlungsrunde Mitte Dezember in Hamburg anbieten?
Anbieten kann man ja nur etwas, wenn es etwas zu verteilen gibt, weil ein Zuwachs geschaffen wurde. Ein Zuwachs ist aber nicht geschaffen worden, im Gegenteil: Wir haben einen tiefen Einbruch, der ja schon mit der Rezession 2019 begonnen hat und nun durch Corona massiv verschärft wurde. In der Breite unserer Industrie wird dieser Einbruch vor 2023, in Branchen wie der Luftfahrt oder dem Schiffbau sogar vor 2025 kaum aufgeholt sein. Manche Firmen kämpfen gerade ums Überleben. Das scheint bei der Gewerkschaft noch nicht richtig angekommen zu sein, anders kann ich mir diese Forderung von vier Prozent mehr bei zwölf Monaten Laufzeit nicht erklären.

Nach den Vorstellungen der IG Metall soll das Tarifplus auch für einen Teillohnausgleich verwendet werden können, wenn angeschlagene Firmen eine Vier-Tage-Woche einführen. Das klingt doch vernünftig …
Arbeitszeitreduzierung und Vier-Tage-Woche sind heute bereits machbar. Es ist aber einfach absurd, höhere Löhne zu fordern, Teile davon mit einer Vier-Tage-Woche zu verrechnen und dies als Beitrag zur Beschäftigungssicherung zu verkaufen. Ich sehe keinen Platz für Lohnsteigerungen mindestens bis 2023.

Das klingt ja sehr verhärtet. Ist es realistisch, dass es bis März eine gemeinsame Lösung gibt und Streiks vermieden werden?
Ich denke, dass es Arbeitgebern und Gewerkschaft gelingen kann, ohne Streiks zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen. Schon seit Wochen sind beide Seiten im Dialog, und in der Lageeinschätzung liegen wir nicht weit auseinander. Streiks würden wieder unnötig Geld kosten und wieder Arbeitsplätze vernichten.

Dieses Interview ist im Hamburger Abendblatt erschienen.