Nordmetall-Präsident Folkmar Ukena: „Arbeitsplatzsicherung und Krisenbewältigung müssen im Mittelpunkt stehen“

Herr Ukena, Glückwunsch zur Wahl! Sie sind eigentlich Geschäftsführender Gesellschafter des Ofenbauers Leda Werk GmbH & Co. KG im ostfriesischen Leer. Wie kommt Ihr Unternehmen durch die Krise?
Wir haben seit 1991 aus einer alten, recht klassischen Gießerei einen international gefragten, modernen Ofenhersteller gemacht. Zudem bieten wir Industrieguss an. Hier gibt es Auftragseinbrüche. Deshalb haben wir einen Teil unserer Kraft auf die Heizgerätesparte umgelenkt. Die wiederum läuft ganz gut – die Menschen können nicht um die Welt reisen, stattdessen sehen sich manche nach einer neuen Feuerstätte um. Zudem müssen viele alte Öfen durch emissionsärmere Modelle ersetzt wer-den. Fazit: Wir sind bislang mit einem dicken blauen Auge durch die Krise gekommen.

Und wie geht es der Metall- und Elektrobranche im Norden generell mit Corona?
Bei unserer letzten Umfrage im Herbst haben 46 Prozent der Betriebe die Geschäftslage als „schlecht“ oder „unbefriedigend“ eingeschätzt, in MV waren es 44 Prozent. 60 Prozent erwarteten weitere Umsatzeinbußen – in MV 55 Prozent. Schon Ende 2019 befand sich die Branche angesichts der Rezession im Krisenmodus, und die Stimmung hat sich bislang nicht verbessert.

Nordmetall vertritt kleine Familienunternehmen ebenso wie Konzerne wie Liebherr, Caterpillar, Airbus oder die großen Werften. Lässt sich pauschal sagen, welche die größten Herausforderungen für die Branche sind?
Da ist zunächst die Dekarbonisierung, im VW-Werk in Emden zum Beispiel das Umschwenken von Verbrennungsmotoren auf Elektromobilität. Alle Unternehmen sind betroffen von der CO2-Steuer – beim Heizen, beim Verkehr, bei der Gebäudetechnik. Durch Corona ist die Nachfrage eingebrochen, ganz besonders stark bei den Werften und Flugzeugbauern. Dazu kommt der demografische Wandel – auch bei den Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie steigt das Durchschnittsalter. Die Digitalisierung verändert ganze Berufsbilder, eine CNC-Fräse (Computerized Numerical Control, rechnergestützte Steuerungstechnik, d. Red.) kann viele Mitarbeiter ersetzen.

Stehen wir vor einer Welle betriebsbedingter Kündigungen?
Auf der einen Seite gibt es enorme Probleme, zum Beispiel in der Windenergiebranche, beim Schiffbau und damit auch bei den Zulieferern. Mit den guten Kurzarbeiterregelungen haben viele gebeutelte Unternehmen Kündigungen vermeiden können. Medizintechnik-Hersteller oder digitale Dienstleister wiederum sind in einer recht auskömmlichen Situation. Die Lage ist sehr differenziert, aber für die Firmen in den Krisenbranchen wird dieses Jahr entscheidend sein.

Vor wenigen Tagen begannen die Verhandlungen mit der IG Metall über einen neuen Tarifvertrag. Die Gewerkschaft fordert vier Prozent mehr Lohn. Wie stehen Sie dazu?
Vier Prozent sind kontraproduktiv. Bei den letzten Tarifverhandlungen (endeten im März 2020, d. Red.) zu Beginn der Pandemie haben wir uns auf eine Nullrunde geeinigt. Diese Entscheidung hat Krisenbranchen, wie Schiff-und Flugzeugbau, extrem geholfen. Aber seither wurden keine Werte geschaffen, die verteilt werden können. Eine Kostensteigerung ist nicht darstellbar – Arbeitsplatzsicherung und Krisenbewältigung müssen im Mittelpunkt stehen. Und die mittleren Jahresgehälter in der Metallindustrie sind mit 60 000 Euro ohnehin schon überdurchschnittlich. Die IG Metall möchte das Tarifplus auch für einen Lohnausgleich verwenden, wenn angeschlagene Firmen eine Vier-Tage-Woche einführen. Eine Vier-Tage-Woche bei sinkendem Lohn kann im Einzelfall ein gutes freiwilliges Mittel sein, um Beschäftigung zu erhalten. Einen Zwang darf es jedoch nicht geben. Denn in vielen Jobs im Strukturwandel hilft Arbeitszeitverkürzung nicht – bei einer E-Lok benötigt man keinen Heizer mehr.

Gibt es bis März eine Lösung? Können Streiks vermieden werden?
Ich hoffe, dass es gelingt, ohne Streiks zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen. Ich habe in der Kommunikation mit Betriebsräten viel Verständnis für unsere Position erlebt. Das Säbelrasseln der Gewerkschaftsführung scheint normal zu sein, auch wenn es in der derzeitigen Situation etwas befremdlich wirkt.

Wie geht es jetzt weiter?
Am 18. Januar gehen die Gespräche weiter. Ich sehe die Tarifparteien in der Verantwortung, den Flächentarifvertrag auch in schwierigen Zeiten attraktiv zu halten. Ein „Weiter so“ ohne größere Flexibilität würde in der Krise dazu führen, dass das Modell implodiert. Ich setze auf die Vernunft und den Willen der Verhandlungspartner, unsere Zukunft abzusichern.

Dieses Interview ist in der Ostsee Zeitung erschienen.