Nordmetall-Präsident Folkmar Ukena: „Viel zu hoher Aufschlag in der Krise“

Die Gewerkschaft fordert vier Prozent mehr, das ist viel. Aber klingen einige Punkte, wie das Einsetzen von Mitteln für Arbeitsplatzerhalt und Qualifizierung, nicht ganz vernünftig?
Arbeitsplatzerhalt und Qualifizierung in den Fokus zu nehmen, ist für uns wie für die IG Metall vernünftig. Aber wir haben angesichts der Dramatik der wirtschaftlichen Entwicklung keinen so sportlichen Aufschlag in dieser Höhe erwartet. Vor Ort im Betrieb sehen Unternehmer wie Belegschaften doch gerade, wie Aufträge und Arbeit weg brechen. Viele Menschen haben Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes. Da wirkt eine Forderung von vier Prozent Plus nicht zeitgemäß. Und wir sind in der Metallindustrie mit Durchschnittsgehältern von 60 000 Euro im Jahr jetzt schon am oberen Ende der Skala.

Wie ist denn momentan die Situation in der Industrie?
Wir vollziehen in der Entwicklung prinzipiell eine V-Kurve, aber die Rückseite des V´s zeigt nicht so schnell und so steil nach oben, wie wir gehofft hatten. Die Nachfrage ist längst noch nicht auf dem Vorkrisenniveau angekommen. Es gibt mindestens 17 Prozent Umsatzeinbrüche, und über 50 Prozent der Mitarbeiter sind immer noch in Kurzarbeit. Die Branchen sind unterschiedlich betroffen. Die Meyer Werft zum Beispiel wird ihre Aufträge strecken, aber das bedeutet immer noch einen 40-prozentigen Produktionseinbruch. Mit so niedriger Kapazitätsauslastung kann keine Belegschaft dauerhaft arbeiten, das wird daher auch Personalanpassungen nach sich ziehen, wie etwa auch in der Luftfahrtindustrie Hamburgs. In Stade wiederum wird eine Gießerei abgewickelt, unter anderem, weil die Maschinenteile für Windenergieanlagen, die dort produziert wurden, künftig aus China geliefert werden. Es wird ganz unabhängig von Corona auch angesichts des zunehmenden globalisierten Wettbewerbs schlicht deindustrialisiert, weil wir an vielen Stellen zu teuer und zu unbeweglich geworden sind.

Also stehen die Zeichen auf Konflikt?
Es werden jedenfalls keine leichten Verhandlungen. Wir wollen so schnell wie möglich innerhalb des ersten Quartals 2021 zu einem Abschluss kommen, damit unsere Unternehmen so früh wie möglich Planungssicherheit haben und sich darauf konzentrieren können, neue Aufträge hereinzuholen, um Standorte und Beschäftigung zu sichern. Ich kann ja verstehen, dass die Gewerkschaft hohe Forderungen stellt, um Mitglieder zu werben. Doch wir müssen schnell wieder in ein ruhiges Fahrwasser kommen.

Bis wann werden keine Lohnerhöhungen möglich sein?
In den krisengeschüttelten Branchen, zum Beispiel den stark betroffenen Werften, ist bis 2023 keine Erhöhung drin. Insgesamt sagen viele Betriebe, dass sie frühestens 2022 zur Normalität zurückkommen werden. Das kann ich nachvollziehen. In der kurzen Frist brauchen wir Entlastungen, keine Belastungen. Da reden wir also maximal über eine Nullrunde.

Wie geht es denn weiter, wenn die Corona-Krise erst einmal überstanden ist?
Es wird eine Aufholjagd geben. Dann könnten sich viele Firmen auf eine noch kleine Auswahl an Aufträgen stürzen, was den Wettbewerb untereinander weiter verschärfen dürfte. Dazu kommt die Transformation: Die Umstellung auf klimafreundliche Produktionsprozesse wird richtig Geld kosten. Der Markt entscheidet, ob Produkte aus klimafreundlicher deutscher Fertigung gefragt sind oder deutlich günstigere, weniger nachhaltige aus Asien. Schließlich wird die Digitalisierung voranschreiten. Und es gibt den demografischen Wandel mit dem einhergehenden Fachkräftemangel. Da ist viel Spannung drin.

Steht der Klimaschutz der Industrie entgegen?
Umweltschützer würden sagen, zunächst geht es ums Überleben des Planeten. Dem würde ich auf dieser abstrakten Ebene auch zustimmen. Aber es darf nicht dazu führen, dass Beschäftigung bei uns verloren geht. Da muss uns auch die Politik stärker unterstützen und dafür sorgen, dass der Wettbewerb nicht auf dem Rücken der Umwelt ausgetragen wird: Es können doch nicht Wirtschaftsgüter, die andernorts unter sehr viel schlechteren Bedingungen für den Klimaschutz produziert werden, wettbewerbsverzerrend in unseren Wirtschaftsraum kommen.

Was hat Sie daran gereizt, neuer Präsident von Nordmetall zu werden?
Ich habe Großkonzerne kennengelernt und mittelständische Unternehmen und gesehen, dass man in den mittelständischen Strukturen viel erreichen kann. Als Familienunternehmer ist man in alle Prozesse eng eingebunden. Bei uns stellen 160 Mitarbeiter Heizgeräte, Steuerung und Regelung in Deutschland her. Ohne Engagement kommt dieser Mittelstand nicht aus. Und dann darf man sich auch der Verantwortung, Nordmetall-Präsident zu werden, nicht entziehen.

Dieses Interview ist in der Kieler Zeitung erschienen.