vbm-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossard: „Wir müssen eine Kostenpause einlegen“

Vor wenigen Tagen haben wir auf ein Jahr Corona zurückgeblickt. Wo stehen wir Ihrer Meinung nach aktuell?
Bisher ist die deutsche wie die bayerische Wirtschaft standhaft geblieben. Auf Bundesebene haben wir 5,0 Prozent Bruttoinlandsprodukt verloren. Das ist bedauerlich, aber es gab weit negativere Schätzungen. Das heißt: Rückblickend betrachtet, ist vieles richtig gemacht worden. Bei den finanziellen Hilfsmaßnahmen ruckelt es vielleicht, aber sie sind so aufgesetzt, dass die Grundstrukturen besser erhalten werden konnten als zunächst angenommen. Auch die Arbeitslosigkeit ist bei weitem nicht in dem Ausmaß gestiegen, wie das zu befürchten war. Mental wird es allerdings immer schwerer.

„Bin überzeugt, dass wir in Zukunft genug Arbeit haben werden“ Ist vielleicht das wahre Ausmaß der Krise noch gar nicht sichtbar, weil zum Beispiel viele Beschäftigte in der Kurzarbeit sind?
Ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft genug Arbeit haben werden. Und trotz steigender Arbeitslosigkeit gibt es gleichzeitig weiterhin den Fachkräftemangel. In der M+E-Industrie (Anm.: Metall- und Elektroindustrie) verlieren wir seit längerer Zeit Monat für Monat 3000 Arbeitsplätze. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Den Trend können wir brechen, wenn die Geschäfte wieder besser gehen und wir die Tools haben, die die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen stärken.

Welche Tools meinen Sie?
Wir müssen eine Kostenpause einlegen. Man darf nicht vergessen, wir haben ein goldenes Jahrzehnt am Arbeitsmarkt hinter uns und man war vielleicht nicht mehr vorsichtig genug. Tatsächlich haben wir im internationalen Vergleich eine extreme Kostenlast.

Spielen Sie auf die laufenden Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie an?
Ja. Wir brauchen in der Metall- und Elektroindustrie, aber nicht nur dort, eine Kostenpause. Das würde unseren Standort stärken. Denn man darf sich nichts vormachen: Es gibt auch andere attraktive Standorte auf der Welt – ob das Mittel- und Osteuropa ist oder in anderen Erdteilen. Auch die können was, und das zu geringeren Kosten.

Das heißt für die Tarifverhandlungen?
Im Jahr 2021 gibt es nichts zu verteilen. Sie vertreten 147 bayerische Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände und 45 Einzelunternehmen.

Wer leidet in der Krise am meisten?
Viele! Die Tourismusbranche, der Handel, die Bereiche Veranstaltungen und Messen, Fahrschulen oder Schausteller. Unser Land ist von der Vielfalt der Branchen geprägt. Und unsere gemeinschaftliche Sorge muss sein, dass das Leben in Bayern, wie wir es gewohnt sind, auch nach der Krise erhalten bleibt – in seiner Vielfalt und in seiner Kleingliedrigkeit. Wird ein Teil herausgerissen, werden wir ärmer und wirtschaftlich schwächer.

Verstehen Sie die Verzweiflung der kleineren und mittleren Betriebe zum Beispiel im Handel?
Die Hilfen sind in Verzug. Aber es geht immer um die Überbrückung. Ich glaube, da ist oft faktisch und mental die Verzweiflung groß. Trotzdem ist das Hilfsinstrumentarium eines, das in den meisten Fällen greift. Es wird nicht jedes Unternehmen durchkommen, aber es sollen möglichst viele durchkommen. Und ich glaube, da sind wir in Bayern doch richtig gut dabei. Die Frage ist, ab welchem Zeitpunkt man eine berechenbare Perspektive bekommt.

Genau diese Perspektive vermissen so viele Unternehmer.
Wir müssen vorsichtig sein, weil wir derzeit die Infektionslage wirklich schwer einschätzen können. Gerade wenn ich nach Niederbayern schaue, sind die Zahlen zum Teil noch bedenklich. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, ist, dass man die Sache jetzt laufen lässt und der Staat dann mit noch viel schärferen Maßnahmen reagieren muss.

Sie haben also Verständnis für den Lockdown bzw. die Verlängerungen, die fehlende Perspektive?
Für den Lockdown natürlich. Und es fehlt ja nicht die Perspektive, es müssen eben die hohen Infektionszahlen sinken. Dann stellt sich auch die Frage, was man in Gang setzen kann.

Was wäre jetzt dringend zu tun?
Zu allererst müssen die Infektionszahlen sinken. Ich bin sehr froh, wenn Grenzpendler in Firmen arbeiten dürfen, wenn sie getestet sind. Das ist ein wichtiger Schritt. Dann bleiben die Erfordernisse, die immer gelten: Abstand halten, testen, impfen. Aufgabe der Wirtschaft wird es immer sein, eigene Sicherheitskonzepte in den Betrieben aufzusetzen.

Das heißt?
Die innerbetrieblichen Abläufe zu entzerren. Das ist in der Produktion nicht unkompliziert. Der Eintrag zur Pandemie aus den Unternehmen liegt derzeit bei sechs Prozent. Es ist also ein hoher Sicherheitsstandard vorhanden, der permanent optimiert wird.

64 Prozent der Betriebe, die Homeoffice bieten können, setzten das auch um. Wie steht es mit dem Homeoffice?
Wir unterstützen mobiles Arbeiten, wenngleich uns auch hier Grenzen aufgezeigt werden. Wir haben eine Umfrage innerhalb von fünf Tagen zum Thema Homeoffice gestartet. 5000 Unternehmen haben sich beteiligt. Das zeigt, wie sehr der Wirtschaft das Thema auf den Nägeln brennt. Das ist in dieser Größenordnung die einzig aktuelle Erhebung in Deutschland.

Mit welchem Ergebnis?
Dass die Betriebe Homeoffice umfassend umsetzen: Branchenübergreifend wird in 64 Prozent der Betriebe, die Homeoffice-fähige Arbeitsplätze haben, Homeoffice auch durchgeführt. Dabei arbeiten rund 72 Prozent der Beschäftigten, bei denen Homeoffice möglich ist, tatsächlich von zu Hause aus. Die Zahlen liegen damit ungefähr genauso hoch wie im ersten Lockdown. Da wird oft ein anderes Bild in der Öffentlichkeit vermittelt. Wir haben ja zusammen mit den Gewerkschaften ein Papier erarbeitet und klar die Grenzen von mobiler Arbeit aufgezeigt.

Die liegen wo?
Verlust an Kreativität, Verlust an Produktivität – wohlgemerkt, das haben die Gewerkschaften mit unterschrieben. Und viele Arbeitnehmer wollen wieder in die Arbeit, sei es, weil zuhause kein Platz ist, sei es, weil die Kommunikation und Abstimmung fehlt.

Wird Homeoffice bzw. mobiles Arbeiten Corona überdauern?
Es ist eine Notmaßnahme und wird mit Abschwächen der Pandemie sicherlich wieder sinken. Aber der Anteil wird sicher größer bleiben als vorher.

Könnte der Trend zum Homeoffice auch eine Chance fürs Land sein? Dass man nicht mehr zwingend in der Großstadt leben muss, um dort zu arbeiten, sondern das auch gut im Bayerischen Wald tun kann?
Ja, das ist eine große Chance. Ich denke da aber weniger daran, Büros von der Großstadt aufs Land zu verlagern als daran, dass dank der Digitalisierung immer mehr Dienstleistungen aus der Region heraus erbracht werden können.

Sehr hypothetische Frage: Wo stünde die bayerische/niederbayerische Wirtschaft ohne die Pandemie?
Wir haben, unabhängig von der Pandemie, den laufenden Strukturwandel in der Industrie, vor allem in der Automobil- und -zulieferindustrie. Das zeigt sich wie angesprochen an der Zahl der Arbeitsplätze. Wir hatten in der Metall-und Elektroindustrie 873 000 Beschäftigte, jetzt sind wir bei rund 840 000. Und das hat nur unwesentlich mit der Pandemie zu tun. Im Tourismus waren Bayern bzw. Niederbayern ja sehr gut unterwegs. Hier könnte ich mir als Maßnahme vorstellen, dass Bund oder Freistaat ein Programm für den Tourismus auflegen, um dann aus der Krise wieder gut starten zu können. Auch der Handel hätte sich sicher normal weiterentwickelt. Ohne Pandemie wäre es weitgehend ums Auto gegangen und insgesamt um die Industrie, weil die Kosten-last dort einfach zu hoch ist.

Ein Thema vor Corona war die Energie-wende. Der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft setzt auf hier Förderung statt auf Verbote. Funktioniert das?
Nachhaltigkeit insgesamt muss technologisch gelöst werden. Ein Kern ist die Energieversorgung und deren Umstellung insgesamt. Da geht es um die Fragen: Wie gehen wir mit Photovoltaik um, wie mit Wind und werden die Leitungen von Nord nach Süd gebaut? Die Energiekosten sind eine Variable, die man von Land zu Land vergleichen kann. Und wenn man da schlecht abschneidet, muss man einen Deindustrialisierungseffekt befürchten. Den müssen wir verhindern.

Corona wird uns bis ins nächste Jahr beschäftigen. Es gibt auch die Idee, die Laufzeit der Kernkraftwerke zu verlängern, um die Energiekosten im Griff zu behalten. Ist das für Sie ein Weg?
Nach neueren Umfragen sind 80 Prozent der Bevölkerung für eine Beendigung der Kernkraft. Das Thema ist also durch.

Welche Themen beschäftigen Sie stattdessen?
Unsere Kernziele lauten: Keine Steuererhöhungen, eine sichere und preis-werte Gestaltung der Energieversorgung und ein deutlich flexiblerer Arbeitsrechts-Rahmen. Unser Präsident Wolfram Hatz hat seine Amtszeit unter das Motto „den Ausgleich zwischen Ökonomie, Ökologie und Sozialem schaffen“ gestellt. Damit könnten wir in Bayern optimistisch sein, da zu bleiben, wo wir sind – an der Spitze.

Zurück zum Anfang: Seit einem Jahr prägt die Pandemie das Leben. Wie lange reden wir noch über Corona?
Corona wird uns auf jeden Fall bis ins nächste Jahr auf verschiedenen Ebenen stark beschäftigen, vor allem die Themen Impfen und Wiederbelebung der Wirtschaft.

Dieses Interview ist in der Passauer Neuen Presse erschienen.